GRÜNER BLICK – Ausgabe 6 (Spezial zur Europawahl 2019)


Infoschrift der Willicher GRÜNEN
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Green Finance – Nachhaltige Finanzpolitik

Paul
Paul
Das berühmte Sparschwein

Das berühmte Sparschwein

Jetzt wollen die GRÜNEN also auch noch über Geld reden – können die das überhaupt? Auf jeden Fall, denn auch die Wirtschaft und die Wirtschaftsakteure sollen (oder besser: müssen auch aus Eigeninteresse) nachhaltiger werden. Diese alte Forderung der GRÜNEN wird jetzt mit entsprechenden EU-Handlungsempfehlungen unterlegt. Die Finanzindustrie muss sich diesen Herausforderungen stellen. Einige Finanzierende basieren ihre Entscheidungen bereits jetzt auf nachhaltigen Faktoren.

Zunächst eine kleine Definition: Der Begriff „Nachhaltige Finanzierung“ wird oft mit den Begriffen „Sustainable Finance“ und „Green Finance“ gleichgesetzt. Nachfolgend wird der Begriff „Nachhaltige Finanzierung“ verwendet. Alle Begriffe stehen grundsätzlich für die finanzielle Begleitung des UN-Klimaabkommens von Paris (2015), mit dem die globale Erwärmung bis 2030 auf 2,0° C (bzw. besser 1,5° C) begrenzt werden soll. Damit dies gelingt, ist die Dekarbonisierung (Verringerung fossiler Brennstoffe) auch seitens der Finanzindustrie, den Investoren sowie Anlegern zu begleiten. Einigkeit besteht innerhalb der Europäischen Kommission, dass die Pariser Klimaziele nur erreicht werden können, wenn private Geldanlagen in nachhaltige Investitionen fließen. Der Finanzsektor kann ein entscheidender Weichensteller sein, um die Wirtschaft auf das richtige, grüne Gleis zu führen.

Europäische Handlungsempfehlung

Im März 2018 veröffentlichte die EU-Kommission den Aktionsplan für Nachhaltige Finanzierungen. Darauf aufbauend wurden im Mai 2018 konkrete Handlungsempfehlungen ausgesprochen. Unter anderem wurde eine klare und transparente Kennzeichnung von nachhaltigen Finanzprodukten, auf die sich der Investor sowie Kleinanleger verlassen kann, gefordert. Dabei ist eine klare Abgrenzung zum „Greenwashing“ notwendig.

Entwicklung Green Bond Market
Datenquelle: Climate Bonds Initiative

Best-in-Class-Ansatz als „Greenwashing“

Beim sogenannten Best-in-Class-Ansatz wird lediglich untersucht, ob die jeweilige Firma in ihrem Sektor die nachhaltigsten Werte aufweist. Der Best-in-Class-Ansatz erlaubt es somit, auch in Kohlekraftwerken und Ölfirmen zu investieren. Eine Forderung der GRÜNEN ist es jedoch, erhöhte klimaschädliche Investitionen grundsätzlich auszuschließen.
Hier konnten wir bisher – aufgrund der restriktiven Haltung der anderen Parteien – leider nur einen Minimalkonsens erreichen. „Unverändert fordern wir, dass fossile und nukleare Investitionen in nachhaltigen Geldanlagen nichts zu suchen haben, denn sie untergraben die Glaubwürdigkeit dieses jungen Marktes“, sagt der wirtschafts- und finanzpolitische Sprecher der GRÜNEN-Fraktion im Europäischen Parlament, Sven Giegold.

Europäischer Ausblick

Die EU-Handlungsempfehlungen aus dem Mai 2018 sind innerhalb eines Jahres durch das Europäische Parlament und den Europäischen Rat zu beschließen. Nachfolgend sollen diese bis 2022 in nationale Gesetzgebung umgesetzt werden.

Investitionsentscheidungen

Dabei muss mit einem Mythos aufgeräumt werden: Laut diversen Studien (u.a. Ratingagentur Scope; Berliner Steinbeis-Hochschule) erleidet der Anleger keine Renditeeinbußen, wenn er sich für ein nachhaltiges Anlageprodukt entscheidet. Es gilt sogar: Wer nachhaltiger wirtschaftet, ist langfristig erfolgreicher. Die gute Nachricht lautet also: Gutes tun und profitieren.
Die Nichtberücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten ist ein relevantes Risiko geworden. Denn Klimarisiken stellen mittlerweile ein finanzielles Risiko dar. Das haben aber leider noch nicht alle erkannt. Darüber hinaus interessieren sich mehr und mehr Investoren für nachhaltige Anlagen. So hat der größte deutsche Versicherungskonzern, die Allianz, bereits im Mai 2018 erklärt, mit sofortiger Wirkung von „Investitionen in Energieunternehmen, die durch den umfangreichen Zubau von Kohlekraftwerken das Zwei-Grad-Ziel gefährden“, abzusehen. Ebenso verzichtet man ab sofort auf die Einzelversicherung von Kohlekraftwerken und -minen im Bau oder Bestand. Andere Investoren wünschen sich einen klaren Ausschluss von bestimmten Branchen bei nachhaltigen Investitionen, um das oben beschriebene „Greenwashing“ zu verhindern. Somit gilt: Wer schon heute als Privatanleger in nachhaltige Fonds investieren möchte, kommt leider nicht daran vorbei, die Fondsbeschreibung genau zu prüfen.

Forderungen an die Politik

Des Weiteren haben über 400 Großbanken, Pensionsfonds, Lebensversicherer und Großanleger wiederholt (zuletzt im Rahmen der UN-Klimakonferenz in Katowice) die Politik aufgefordert u. a.:

  • das Pariser Abkommen umzusetzen,
  • die Investitionen in nachhaltige Industrien zu beschleunigen,
  • einen Plan zu erstellen, um Kohlekraftwerke weltweit auslaufen zu lassen,
  • einen „bedeutenden“ Preis auf CO2-Zertifikate einzuführen.

Die Bundesrepublik Deutschland plant leider für 2019 keine nachhaltigen Anleihen zu emittieren, da darin keine Refinanzierungsvorteile gesehen werden. Wir GRÜNEN können die Argumentation fachlich nachvollziehen, würden jedoch eine Emission seitens des Bundes begrüßen. Hierdurch würde ein Signal gegeben, dass Deutschland sich noch aktiver beim Wandel zu einer nachhaltigen Wirtschaft engagiert und eine führende Rolle übernimmt.

Banken berücksichtigen verstärkt nachhaltige Faktoren

Auch die Banken interessieren sich vermehrt für die nachhaltige Politik ihrer Kreditnehmer. Das ist nur konsequent zu Ende gedacht, denn der Wandel zu einer nachhaltigen Wirtschaft wird nur die Unternehmen belohnen, welche anpassungsfähig sind. Unternehmen, welche auf veraltete Technologien setzen, werden vermehrt Schwierigkeiten haben, überhaupt Kredite zu erhalten; und wenn dann nur mit einem entsprechenden Risikoaufschlag. Die Zinskonditionen können sich beispielsweise an das Nachhaltigkeitsrating von spezialisierten Rating-Agenturen orientieren. Zusätzlich finanzieren einige Banken ohnehin keine Kohlekraftwerke mehr.
Auf der bankenaufsichtsrechtlichen Seite müssen wir uns noch gedulden. Kapitalerleichterungen für grüne Anlagen von Banken sollen nach Ansicht des Europäischen Parlaments sowie des Bankenverbandes zunächst nicht umgesetzt werden, solange das mutmaßlich geringere Risiko grüner Investitionen nicht nachgewiesen ist.

Tarek Al-Wazir Hessischer Wirtschaftsminiter Foto: Sven Teschke Creative Commons CC-BY-SA-3.0 de
Tarek Al-Wazir Hessischer Wirtschaftsminiter Foto: Sven Teschke Creative Commons CC-BY-SA-3.0 de

Fazit und Ausblick

Wir GRÜNE gehen davon aus, dass es sich bei den Nachhaltigen Finanzierungen nicht nur um ein kurzfristiges Thema handelt, sondern um eine langfristige Veränderung im Anlageverhalten.
Somit unterstützen wir die Initiative von Tarek Al-Wazir (grüner hessischer Wirtschaftsminister). Er will den Finanzplatz Frankfurt ausbauen und eine führende Rolle in der nachhaltigen Finanzwirtschaft einnehmen.
Unverändert gibt es aber keinen Grund sich zurückzulehnen. Der Weltklimarat hat unlängst gewarnt, dass mehr Investitionen in den Klimaschutz notwendig sind.
Es tut sich also viel im Bereich der nachhaltigen Finanzierung. Und die EU ist eine der treibenden Kräfte. Wir als GRÜNE unterstützen die europäischen Initiativen aktiv.

P. S.: Der Bericht wurde in Willich am Vormittag des 24. Dezember 2018 bei frühlingshaften 10° C in Bermudas geschrieben.